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Die Diagonale – das Festival des österreichischen Films – fand heuer zum 23. Mal, vom 18. bis 23. März, in Graz statt. Wir durften wieder als vollakkreditierte Journalist*innen vom Festival berichten. Neben der täglichen Berichterstattung in unserer Morgensendung „Cappuccino“ konnten wir Interviews mit den Filmschaffenden durchführen, Hintergrundfakten recherchieren, Sendungen schneiden und – das Wichtigste – mit RegisseurInnen, DarstellerInnen, Crewmitglieder, KritikerInnen, Politikern und Besuchern der Filme in Kontakt treten und über das Gesehene diskutieren, streiten und das alles im besten Fall audiophon verwerten.

Flashlights aus dem Diagonale-Alltag

Eröffnungsfilm Rose in der Liszt-Halle am Mittwochabend: Nahezu 2000 Besucher fasst die Liszt-Halle in Graz, das macht sie kurzfristig zum größten Kinosaal Österreichs. Mit illustrem Publikum – Vizekanzler Babler, Werner Kogler, Preisträgerin Hilde Dalik, Eröffnungsfilm-Regisseur Markus Schleinzer – alle hatten wir vor dem Mikrofon und letztendlich in unserer Sendung. Zum Film selbst: Sandra Hüller in der Hauptrolle sensationell, eine mitreißende Geschichte eines selbstbestimmten Identitätswechsels, verortet in der Zeit des Dreißigjährige Krieges. Im Filmbuch steht, sein brisanter Kern bliebe auch in der Gegenwart gültig, das stimmt. Inwieweit sich jedoch das Schicksal der Rose, ein fiktiver Charakter, der auf historischen Berichten beruht, letztendlich erfüllt, weil sie eine Frau ist, war nach Filmende Gesprächsstoff. Dass in der Zeit um 1630 Grauslichkeiten begangen wurden, ist klar. Dass besonders Frauen und Kinder unter der kriegs- und religionsbeschädigten Gesellschaft gelitten haben, stimmt leider ebenso. Dass die Hinrichtung am Schluss vollzogen wird aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau ist, mag man bezweifelt werden. Aber das ist hier auch nicht so wichtig.

Der vielleicht kontroverseste Film war Meeting Götz, ein Dokumentarfilm über Götz Kubitschek, dem Mastermind der Rechten Szene. Die zentrale Frage ist, ob man mit einem Film über einen Vordenker einer Ideologie, die laut Verfassungsschutz rechtsextrem zu nennen ist, nicht nur ins Gespräch kommen soll, nein, vielmehr eine persönliche Dokumentation gestaltet, in der man ihm Raum gibt, seine Gedanken auszubreiten. Der politische Vorhof, der hier bespielt wird, führt ja letztendlich dazu, extreme Gedankengänge zu legitimieren. Ausgesprochenes wird zur Normalität, wird zur Meinung, die anscheinend diskutierbar ist. Wörter wie “Remigration” und “Deutschtum” werden somit, wenngleich von vielen abgelehnt, in den allgemeinen politischen Diskurs aufgenommen. Dass diese permanente Gradverschiebung in der Sprache zu einer Gradverschiebung im Denken führt, haben wir nicht nur durch die MAGA-Bewegung in den USA schmerzlich miterleben müssen. Nur: Wer denkt, diese Doku eines aus dem linksliberalen Spektrum kommenden Filmemacher würde sich naiv vor den Karren der Rechten Szene spannen lassen, irrt. Immer wieder werden dem, zugegeben durchaus sympathisch eingefangenen Kubitschek Textstellen seiner Ideen als Einblendung gegenübergestellt. Und die habens in sich. In ihrer Radikalität und völkischen Wahnvorstellung. Da wird nichts verschoben, da wird gezeigt. Und der Filmemacher versucht auch nachzuvollziehen, wie man wird, was man ist. Dazu gehört Mut. Und Mut auch, sich dem Publikum in zwei Screenings zu stellen. Da wurde beleidigt, geschrien, getobt, verbal attackiert. Man dürfe das nicht, das sei Gewalt, ein Wahnsinn, dem Kubitschek hier eine Bühne zu bieten etc. Ich sehe das nicht so, wenngleich ich für die jugendliche Position sehr viel Verständnis habe. Das ist Diagonale, wie wir sie lieben: kontrovers, generationskonfliktreich, spannend. Endlich. Erinnern wir kurz an die, ansonst ziemlich verkopften und mauen Eröffnungsrede von Slanar und Kamalzadeh (im Vergleich zum genialen Kontrapunkt Dave, der sich durch das Programm gewitzelt hat). Da heißt es: Ein Festival ist keine Arena für Likes, sondern ein offener Ort der Begegnung, der Auseinandersetzung, der Kritik – ja, vielleicht sogar der Ratlosigkeit. Aber einer produktiven Ratlosigkeit, die neugierig machen sollte, Fragen aufwirft und Lust auf Reibung erzeugt.

Licht, kein Licht – ein Missgriff der Intendanz: dürftige Story, minutenlanges Starren auf schlecht ausgeleuchtete Innenräume, endlose Wiederholungen einfacher Tätigkeiten wie das Bedienen einer Kaffeemaschine oder das Öffnen eines Gefrierschranks. Der Score – eine einzige Grausamkeit. Der Film WOLLTE langweilen. Verhaltene Kritik des Publikums im anschließenden Gespräch mit den Filmschaffenden, mein erster Gedanke: die armen Schauspieler stehen da wie begossene Pudel und wissen um das filmische Elend. Einzig der Regisseur scheint gut gelaunt, ein Selbstdarsteller, der sich rechtfertigt, es sei nun mal seine letzte Chance gewesen einen Langfilm zu machen mit quasi Null Budget. Hoffentlich kommt kein zweiter nach. Die Handlung ist verworren, nur so viel: Ein Paar wird bei ihrer täglichen Routine Kaffee trinken, Fertiggerichte essen und Eltern besuchen gezeigt. Backstory von ihr: SIE war als Schöffin geladen und kurzzeitig im öffentlichen Interesse, da es offensichtlich um ein Gewaltverbrechen ging. Das hat ER nicht ausgehalten und sich danebenbenommen, was wiederum SIE dazu verleitete, IHM von oben herab “zu verzeihen” Das wars dann auch schon. Der Regisseur hatte laut eigenen Aussagen nur eine Schublade seiner Vergangenheit zur Verfügung, die hat er geöffnet, ein Interview mit einer bekannten Richterin, das er vor Jahren führte und zu einem Dokumentarfilm verwenden wollte. Da hat er sich gedacht, man könnte da noch ein Beziehungsfilmchen draus machen. Wenn das alle machen, werden wir überschwemmt mit langweiligen Filmen. Aber interessant war allemal: Die heftigste Kritik kam aus einer der hinteren Reihen. Es wäre unverschämt, in ZEITEN WIE DIESEN eine so schwache Frau zu zeigen. Eine Kritik, die zum Niveau des Films passt. Was uns dann etwas verwunderte: Der Film bekam den Preis “Beste Bildgestaltung Spielfilm” des Verbandes österreichischer Kameraleute AAC verliehen. In der Begründung der Jury heißt es tatsächlich:

In diesem Film hinterfragt die Bildgestaltung die gezeigte Wirklichkeit auf eine zugleich unbehagliche und neugierige Weise. Was wir sehen, wird ungewiss. Wege und Räume menschlicher Routinen werden in Orte der Spannung verwandelt, an denen Bedeutung ständig neu verhandelt wird.

Verhandelt haben wir nur mit uns, ob wir früher gehen sollten. Wie man sieht: Im Kino geht alles.

Was uns die Woche beschäftige: Ideen für unsere Sendungen. Jedes Jahr werden 2-3 Features über unterschiedliche Aspekte des Filmlebens gestaltet. Spannend im Erfinden, erhebend im Recherchieren und Interviewen, aufwändig in der Postproduktion. Eine der Sendungen wird über ein zentrales Thema der Eröffnungsreden entstehen, ein Thema, das während der gesamten Diagonale wie ein Damoklesschwert über den Filmschaffenden zu hängen schien: die Weiterführung der ORF-Landesabgabe zur Sicherung der österreichischen Filmwelt. Ein Feature wird sich um die Position des isländischen Regisseurs Hylur Pálmason drehen, der erstmals in Österreich auf der Diagonale eine umfassende Werkschau zeigt. Genial und verstörend. In der dritten Sendung gehen wir auf Filmberufe ein und bringen spannende Statements Filmschaffender vor und hinter der Kamera.

Zur Diagonale geht hier: Diagonale – Festival des österreichischen Films
Ausgewählte Sendungen der letzten Jahre sind als Podcast hier nachzuhören: Diagonale | cba – cultural broadcasting archive

DIAGONALE 2026

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